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Großmutters Schuhe von Renate Welsh


Originaltitel: Großmutters Schuhe
Großmutters Schuhe
Autor: Renate Welsh
ISBN: 3423246952
Genre: Belletristik
Serie:
Ort: Deutschland
Zeit: Gegenwart
Sonstiges: k.a.
Note: Note: 1


"Also ich finde, zu einem anständigen Leichenschmaus gehört ein Menü und nicht diese À-la-carte-Esserei. Bei uns daheim war es immer eine gute Rindssuppe mit Frittaten und kleinen Leberknöderln und eine Semmel dazu, die der Bäcker nur für die Begräbnisse gebacken hat, dreimal so groß wie eine normale..."

"Diese Familie braucht kein Oberhaupt mehr, weil sie nämlich mit diesem Tag aufgehört hat, eine Familie zu sein, die Nabe ist aus dem Rad gefallen, die Speichen spritzen in alle Richtungen." Urenkel David benennt exakt und wenig schmeichelhaft, was er von seiner Sippschaft hält. Soeben hat man die alte Dame mit 93 Jahren zu Grabe getragen und sitzt nun beim Leichenschmaus - eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen man sich noch trifft...


Edith Karmann, 93 Jahre, Familienoberhaupt, ist gestorben. Auf ihrer Beerdigung kommen Verwandte und Bekannte zusammen und erinnern sich an die alte Dame. So verschieden wie die Erinnerungen, so unterschiedlich auch die Erfahrungen und die Beziehung, die der-/diejenige mit Edith gemacht hat. Stets aus einem anderen Blickwinkel erzählt, ergibt sich auf knapp 200 Seiten ein umfassendes Bild einer bemerkenswerten Persönlichkeit, der es gelungen ist, die Familie auf ihre ganz eigene Art zusammenzuhalten. Nach ihrem Tod, so wird schnell klar, werden sich die einzelnen Familienmitglieder in alle Winde zerstreuen, die Beerdigung ist die letzte Gelegenheit, die Vergangenheit mit Edith Revue passieren zu lassen und gleichzeitig ein Resümee über das eigene Leben zu ziehen. Schöne Momente und Gedanken wechseln sich mit Verbitterung und Hilflosigkeit ab, das Leben ist ohne Edith ein anderes, in welcher Hinsicht auch immer. Renate Welsh gelingt es ganz wunderbar, auf nur wenigen Seiten, die einzelnen Figuren anhand ihrer eigenen Gedanken und der Gedanken der anderen über sie zum Leben zu erwecken, immer darauf bedacht, dass Sympathien und Antipathien sich gekonnt die Waage halten, so dass es dem Leser selbst überlassen bleibt, ein Urteil zu fällen - sofern er es überhaupt vermag. Und auch wenn über Edith am meisten geschrieben und gedacht wurde, so ist sie doch die Person, die so gar nicht in eine Schublade gesteckt werden kann, an ihr wird gezeigt, dass Menschen niemals nur schwarz oder weiß sind, sondern es alleine von ihrem Blickwinkel abhängt, wie sie wahrgenommen und geliebt oder gehasst werden. Von allen familiären Zwängen befreit, dafür aber mit eigenen Problemen belastet, serviert die Küchenmannschaft zwischendurch immer wieder Mahlzeiten und Getränke - nicht ohne selbst einen Blick auf die ungewöhnliche Gesellschaft zu richten und sich so selbst einen Eindruck "von außen" zu verschaffen. "Eine Familienfeier gerät zur Generalabrechnung" heißt es auf dem Klappentext, und das stimmt, doch nicht nur zur Generalabrechnung mit der Verstorbenen, sondern auch mit dem eigenen Leben mit all seinen unerfüllten Hoffnungen und nicht genutzten Chancen.


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