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Der Richtplatz von Tschingis Aitmatow
| Kurzbeschreibung: |
"Nach der kurzen und wie vom Atem eines Kindes hingehauchten Erwärmung des Tages auf den zur Sonne geneigten Gebirgshängen schlug unfassbar rasch das Wetter um. Von den Gletschern her setzte der Wind ein, durch Spalten und Schluchten drang buckelig und spitz die Dämmerung vor und trug unmerklich das kalte Graublau der bevorstehenden Schneenacht mit sich..."
Als die Wölfin Akbara und ihr Wolf Taschtschajnar ein letztes Mal vor dem schlimmen Feind - dem Menschen - ausreißen, ahnen sie nicht, daß ihr Ende unausweichlich ist. Die Zeit der Wölfe und der Antilopenherden scheint abgelaufen. Awdij Kallistratow, der ausgestoßene Priesterzögling und Gottsucher, kann sich mit der gleichgültig und selbstsüchtig gewordenen Welt nicht abfinden. Auf der Suche nach den Wurzeln der Kriminalität reist er in die Steppe Mujun-Kum, wo der berauschende Hanf wächst. Eine Reise, die ihm zum Kreuzweg wird. |
| Rezension: |
Das Wolfspaar Akbara und Taschtschajnar sind die heimlichen Hauptfiguren dieser Geschichte, deren Leben und Leiden sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht. Ihr Schicksal, immer neuen Lebensraum für sich erobern zu müssen und ihre Jungen zu schützen, rührt den Leser bis ins Herz. Neben den beiden Wölfen gibt es noch zwei andere Charaktere, von deren Schicksal hier berichtet wird: Der ehemalige Priester-Anwärter und jetzige Journalist Awdij Kallistratow will sich unter die Kuriere mischen, die in der Steppe das berauschende Hanfkraut Anascha sammeln und in die Städte transportieren, um eine Reportage darüber zu schreiben. Doch schon bald werden seine journalistischen Ambitionen von seinen moralischen Wertvorstellungen zurückgedrängt und sein neues Ziel ist es, die Kuriere von ihrem verwerflichen Tun ab- und sie näher zu Gott zu bringen. Bei diesem Versuch lernt auch Awdij sich und seinen Glauben neu kennen.
Im zweiten Teil des Romans begegnen wir dem kirgisischen Schafhirten Boston, der nicht nur im Streit mit den Oberen liegt und Ansichten vertritt, die dem Sozialismus in seinen Grundüberzeugungen widersprechen, sondern der sich auch dem Neid seiner Untergebenen und Nachbarn erwehren muss. Awdij und Boston haben ihre ganz persönliche Begegnung mit dem Wolfspaar, die sie und ihr Leben nachhaltig verändern wird...
Aitmatows Richtplatz lässt mich mit einem zwiespältigen Gefühl zurück. Beeindruckend sind die Landschaftbeschreibungen, die den Leser wie durch Zauberhand tief in die kirgisische Steppe entführen und ihn die Schönheit, aber auch Wildheit der Natur förmlich spüren lässt. Das Leben der Menschen in einer Zeit, in der alles in festen Bahnen verläuft, aber sich hier und da schon ein großer Umbruch ankündigt wird anschaulich und lebendig beschrieben. Irritierend nur, dass die beiden Geschichten um Awdij und Boston völlig losgelöst voneinander sind und - außer dem verbindenden Element der Wölfe - keine gemeinsamen Berührungspunkte haben. Nach längerem Nachdenken und der Einsicht, dass die Erwartung, dass sich beide Erzählungen miteinander verbinden müssten, unbegründet ist, kommt man jedoch zu dem Schluss, dass die Verbindung über die Wölfe durchaus eine starke ist und einen Bogen spannt über Charaktere, Orte und Ereignisse hinweg. Warum mich persönlich das Schicksal der Wölfe betroffener gemacht hat als das ebenso schwere der hier beschriebenen Menschen, kann ich nicht ergründen - es scheint nur so, dass die Menschen, anders als die Wölfe, zu jeder Zeit ihr Schicksal hätten ändern können, sich aber aus unterschiedlichen Gründen selbst nicht dazu in der Lage sahen. Sie fühlten sich - ebenso wie die Wölfe - getrieben zu einem bestimmten Handeln, aus dem letztendlich ihr Ende resultierte.
Der Richtplatz ist eine starke Geschichte, die ihre Wirkung erst nach dem Lesen voll entfaltet, wenn man die einzelnen Episoden und Emotionen noch einmal Revue passieren lässt. |
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